H-Net Clio-online

"Der „Verbrecher“ am Ende des 19. Jahrhunderts war ein ganz anderer als noch 50 Jahre zuvor. War ein Mörder beispielsweise kriminell oder nicht eher krank? Diese Frage wurde im Verlaufe des 19. Jahrhunderts in den russischen Gerichten – ebenso wie in denen des westlichen Europas – oft verhandelt. Den Schuldspruch fällten die Geschworenen, das Urteil der Richter; doch die eigentliche Instanz, die über die Schuldfähigkeit des Delinquenten entschied, waren Mediziner. Von Medizinern im und vor Gericht handelt das Buch Elisa M. Beckers. Sie spannt den Bogen weit: Chronologisch von den Militärstatuten Peters des Großen aus dem Jahre 1716, in denen erstmals die Rolle der Mediziner rechtlich geregelt wurde, bis zum Auftauchen der Psychiatrie am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie analysiert Rolle und Funktion der Medizin und untersucht die Reichweite medizinischer Gutachten vor Gericht. Im Rahmen der Rechtsreform der 1860er-Jahre kam es zwischen Juristen und Medizinern zu einer spannungsreichen Diskussion um die Rolle der Mediziner und ihres Wissens. Elisa Becker stellt diese Spannungen ausführlich dar und liefert einen längst überfälligen institutionengeschichtlich inspirierten Beitrag zur Entstehung dessen, was heute gemeinhin als Gerichtsmedizin bezeichnet wird. Becker skizziert, wie sich seit dem frühen 18. Jahrhundert in Russland Wissenschaftssphären des Rechts und der Medizin differenzierten und entwickelten. Sie betont die russischen Besonderheiten, ohne die Gemeinsamkeiten mit der westeuropäischen Entwicklung zu vergessen. Im Unterschied zum übrigen Europa vereinten die russischen Mediziner drei Funktionen in einer Person, die andernorts getrennt waren: die forensische, polizeiliche und therapeutische. Deshalb ist die Ausbildung der Medizin als Wissenschaftsdisziplin im ausgehenden 19. Jahrhundert ohne ihre Aufgaben vor Gericht nicht zu denken, so Becker. Weiterhin ist für sie die Inanspruchnahme des Ärztestandes durch die Autokratie typisch. Das riesige russische Territorium, dessen Verwaltung sich vor allem durch Personalmangel auszeichnete, wurde durch Pflichten und eng beschriebene Aufgaben regiert und weniger durch freiheitliche Entscheidungen von einzelnen. Trotzdem, so die Hauptthese Beckers, seien die Ärzte kaum kritisch gegenüber der Autokratie gewesen, sondern hätten sich mit dieser arrangiert"
Reviewed book: 
Author: 
Elisa M. Becker
ISBN: 
978-963-9776-81-4
cloth
$55.00 / €50.00 / £45.00