Forschungen zur Baltischen Geschichte

"Kõlls Fokus ist neu: Sie beschäftigt sich nicht mit der Kollektivierung an sich, ihren ökonomischen Voraussetzungen und Resultaten, und sie geht auch kaum auf die Deportationen vom März 1949 ein, nach denen bekanntlich die Zahl der Kolchosbauern in die Höhe schnellte. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Prozess der Selbstzerfl eischung der dörfl ichen Gesellschaft, der selbst aufgetragen wurde, „Kulaken“ zu identifi zieren – d.h. diejenigen, die als „Feinde“ aus der Gemeinschaft auszuschließen waren. Es geht Kõll somit darum zu zeigen, dass im Gegensatz zur Gewaltgeschichte des Holocaust, in der Opfer und Täter klar voneinander zu scheiden sind, der Prozess der Sowjetisierung bewusst so angelegt war, um eine ähnliche Trennung in „Böse“ und „Gute“ zu verschleiern. Damit sieht Kõll auch einen Gegensatz zur nationalen estnischen Meistererzählung, die nach wie vor davon ausgeht, das „Böse“ sei ausschließlich in äußeren Kräften zu verorten. Kõll macht zwei wesentliche Unterschiede zum Verlauf der Kollektivierung Anfang der 1930er Jahre in der UdSSR aus. Zum einen verweist sie auf die ethnische Dimension des Geschehens, die vor allem auch in den retrospektiven Lebensgeschichten der Esten hervorgehoben worden ist. Zum anderen aber betont die Autorin die unmittelbare historische Situation in einem Imperium, das gerade den Zweiten Weltkrieg siegreich überstanden hatte. Mit diesem Aspekt betritt die Autorin tatsächlich Neuland. Diese feine Studie von Anu Mai Kõll hat in jedem Fall einen Leserkreis verdient, der über die an baltischer Geschichte Interessierten hinausgeht. Sie zeigt eindrücklich, was Studien zur Mikrogeschichte für das Verständnis der größeren Zusammenhänge bieten können. "
Reviewed book: 
Author: 
Anu Mai Koll
ISBN: 
978-615-5225-14-7
cloth
$55.00 / €42.00 / £35.00